Entgegnungen eines Reaktionärs
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(TOP 1000 REZENSENT)    Rezension bezieht sich auf: Betrachtungen eines Unpolitischen (Taschenbuch) Die Ahnungslosigkeit, die in den bislang hier veröffentlichten Rezensionen zum Ausdruck gekommen ist, bedarf der Abhilfe.
Die "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918) von Thomas Mann (1875-1955) sind entstehungsgeschichtlich zunächst einmal nichts anderes als eine äußerst umfangreiche, ja überbordende Replik auf den Essay "Zola" von Heinrich Mann (1871-1950). Er markiert den publizistisch-literarischen Höhepunkt im Konflikt zwischen den beiden Schriftsteller-Brüdern.
Thomas Mann attackiert in diesem Essay stets aufs Neue und in unzähligen Wendungen die demokratisch-sozialistische Gesinnung seines jüngeren Bruders und all derer, die in der (jungen) parlamentarischen Demokratie westlicher Prägung ein Modell für Deutschland nach dem Kriege sehen wollten.
Thomas Mann greift in seiner voluminösen Philippika eine in der zeitgenössischen konservativen Publizistik höchst geläufige Dichotomie auf, die zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft, zwischen Zivilisation und Kultur. Diese leitmotivische Unterscheidung prägt den gesamten Diskurs in den "Betrachtungen"; er wird übertragen auf Herrschaftssysteme, Regionen und Kunstideale.
Mitnichten aber "deuten" die Betrachtungen Thomas Manns gesamtes Schaffen. Dem steht schon die alsbald vollzogene Wendung zum "Vernunftrepublikaner" in der ersten deutschen Demokratie entgegen. Bereits im Zauberberg (1924) wird die Kontroverse mit Heinrich Mann in den zahlreichen Streitgesprächen zwischen Naphta und Settembrini ironisch-literarisch gebrochen und "aufgehoben".
"Dr. Faustus" (1947) indes folgt einem ganz anderen thematischen Paradigma: Dieser Roman trägt die Züge einer barocken Allegorese auf Verführung und prometheischen Dünkel. Politisch-weltanschaulich markiert gerade dieser Roman - ohne indes Bedingungen der Genese zu verleugnen - eine maximale Distanz zu den "Betrachtungen".
In denen trat Mann als illiberaler Antidemokrat hervor, der sich des kruden, heute kaum mehr zugänglichen Jargons der zeitgenössischen rechtskonservativen und völkischen Publizistik bediente. Das erklärt auch, warum die "Betrachtungen" heute als nahezu unlesbar und einer breiteren Öffentlichkeit kaum mehr zumutbar erscheinen müssen. Dieser zwar stilistisch brillante, aber sehr unstrukturierte, begrifflich hermetisch wirkende Text ist verständlicherweise zur Lektüre zünftiger Historiker und Germanisten geworden.
Und wer der in den "Betrachtungen" zum Ausdruck gebrachten Weltanschauung heute noch zustimmen mag, der würde sich fürwahr als Reaktionär mit einer hochproblematischen, anti-humanen, anti-europäischen und anti-aufklärerischen Gesinnung präsentieren. Der Text taugt in keiner Weise zur aktuellen politischen Orientierung. Das gilt für sozial-liberale wie für konservative Ausrichtungen.
Dieser geradezu maßlose Essay von Thomas Mann mag als ein Kommentar oder Subtext für sein literarisches Schaffen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus fungieren, durchaus auch als zeitgeschichtliche Quelle, keineswegs aber als politische oder gesellschaftliche Orientierung für die Welt von heute. All das schmälert nicht die Großartigkeit des literarischen Werkes von Thomas Mann; aber sie relativiert die Bedeutung seines Großessays.
(Mehr zu alledem erfährt man in den entsprechenden Monographien von Görtemaker, Sontheimer u.a.)
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 11. Januar 2012
Kundenrezensionen:
3. Entgegnungen eines Reaktionärs (die aktuell angezeigte Rezension)
2. Streitschrift für Konservative
1. "[U]nd Deutschtum, das ist Kultur, Seele, Freiheit, Kunst und nicht Zivilisation, Gesellschaft, Stimmrecht, Literatur" (52).
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