Missverstanden
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Die 120 Tage von Sodom (Gebundene Ausgabe) Ich empfehle diesen Klassiker all denen zur Lektüre, die die Lektüre nervlich aushalten. Er ist sicher nichts für sensible Gemüter, aber gleichwohl faszinierend in seiner Kompromisslosigkeit.

Die in diesem Buch dargestellten Gewaltszenen (die noch American Psycho in den Schatten stellen) dürften in der Tat für den "normalen" Leser, oder sagen wir neutraler, für die große Mehrheit der Leser, schwer erträglich sein. Gleichzeitig lädt de Sade seine 4 Protagonisten mit kaum vorstellbarer menschlicher und charakterlicher Niedrigkeit auf und lässt sie Verbrechen begehen, die sich nur mit dem völligen Fehlen jeder menschlichen Regung erklären lassen.

Dieses Buch ist indes sicher nicht als Hardcore Pornographie gemeint und als solche wohl auch völlig ungeeignet. De Sade macht sich vielmehr (im Gefängnis sitzend) daran, eine Aufstellung der menschlichen Sexualität von ihren harmlosesten und unschuldigsten bis zu ihren extremsten und grausamsten Ausformungen vorzulegen. Dass dies dabei herauskam, obgleich er ja nur auf seine eigene Phantasie zurückgreifen konnte, lässt sicherlich Schlüsse über diese Phantasie zu, zeigt aber auch ein Wissen über die Spielarten und Abartigkeiten menschlicher Neigungen, das beim Wiederauftauchen des Manuskriptes über 100 Jahre nach seiner Erstellung in Fachkreisen für erhebliches Aufsehen sorgte. Das Buch wurde nie vollendet und liegt trotz seiner Länge zu einem nicht unerheblichen Teil nur als Skizze in Form von Notizen vor. De Sade verlor sein Manuskript bei seiner Verlegung in ein anderes Gefängnis kurz vor dem Sturm auf die Bastille 1789.

Das zentrale Moment der Handlung ist (wieder einmal) das de Sadesche Credo, dass in den politischen/gesellschaftlichen Systemen, in denen er lebte - Ancien Regime, revolutionäre Republik, Jakobinerherrschaft, Napoleon - die Tugendhaften immer untergehen und die Skrupellosen immer obsiegen. Um das so deutlich zu machen, wie es geht neigt er leider dazu, seine Figuren hoffnungslos zu überzeichnen. Sie sind entweder nur tugendhaft/gut/dem Untergang geweihte Opfer oder skrupellos/böse/strahlend erfolgreiche Täter. In de Sades Geschichten kommen "richtige" Menschen mit Stärken und Schwächen, guten und schlechten Seiten, nicht vor. Ich schwanke deshalb zwischen 4 und 5 Punkten.

Die o.g. Aussage war indes nie als Aufforderung zur Skrupellosigkeit gemeint. Vielmehr suchte de Sade nach einer Erklärung dafür, warum er im Leben immer wieder scheiterte, gleichgültig in welcher der Herrschafts- und Gesellschaftsformen, die er in seinem Leben sah, er sich gerade befand. Und weil es (natürlich) nicht an seiner in fehlenden Fähigkeit liegen konnte, sich auf Umstände oder Menschen einzustellen und sich an diese anzupassen, soweit überlebensnotwendig, mussten logischerweise die Umstände und anderen Menschen an seinem Scheitern schuld sein. Ich wage die These, dass de Sade sich stets auf der Seite der Opfer sah, weswegen auch die Wortschöpfung Sadismus und die damit verbundene Identifizierung de Sades mit seinen 4 Protagonisten der 120 Tage irreführend sind. Das eben gesagte macht ihn nicht unbedingt sympathischer, aber vielleicht findet man aus diesem Blickwinkel leichter Zugang zu diesem durchaus nicht eben leicht verdaulichen Buch.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 27. Juni 2008
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